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05/2026 Anders lernen

FOKUS.THEMA

So lernt man heute

Nach Plänen des Basler Büros TF Architektur entstand in Diessenhofen (TG) ein Schulbau, der zeigt, wie attraktiv heutzutage Schulalltag gestaltet werden kann. In pädagogischer wie in architektonischer Hinsicht.

Text Susanne Lieber Bilder und Pläne TF Architektur GmbH

 

Schuhe aus, Finken an – so lautet die erste Lektion, wenn man das neue Primarschulhaus «Janus» in Diessenhofen (TG) betritt. Wer keine Finken hat, kann mit Socken oder barfuss durchs Gebäude gehen. Strassenschuhe? Ein No-Go. Das gilt selbstverständlich auch für Gäste, weshalb gleich im Eingangsbereich ein Korb mit Filzpantoffeln parat steht. Lektion zwei: Überall im Gebäude darf gelernt und gearbeitet werden, auch auf den Fluren, in der Aula, in der überdachten Loggia und auf den Dachterrassen. Denn hinter dem Nutzungskonzept des neuen Schulbaus steht ein unkonventionelles Pädagogikkonzept: Statt Frontalunterricht im fixen Klassenverband zählt hier selbstverantwortliches, interessenorientiertes Lernen in altersdurchmischten Gruppen (Klassen 1 bis 6). Lernbegleitende unterstützen die Kinder dabei. 


Behagliches Lernumfeld
Dass man sich sofort wohlfühlt im neuen Schulhaus – ein Gebäude mit massivem Erschliessungskern und einem daran angedockten Holzelementbau – ist mehreren Faktoren geschuldet. Das Strassenschuh-verbot und das besondere Lernkonzept, das die individuelle Entfaltungsfreiheit der rund 120 Schülerinnen und Schüler fördern soll, sind nur zwei davon. Allen voran ist es die (innen-)architektonische Gestaltung, die für einen hohen Behaglichkeitsfaktor sorgt. Die Gruppen-, Werk- und Aufenthaltsräume sind vielseitig bespielbar und lassen sich je nach Bedürfnis mit Möbeln und Vorhängen umgestalten. Überdies werden im Schulhaus abwechslungsreiche Blickbeziehungen geboten – nicht nur zwischen den Räumen, sondern auch zwischen den Etagen. So kann man beispielsweise von der Treppe aus durch ein grosses Fenster in eines von vier innen liegenden Zimmern blicken. Mit einer lichten Deckenhöhe von 4,75 Metern überragen diese Zimmer deutlich das Dachniveau, weshalb sie über ein umlaufendes Fensterband von oben natürlich belichtet werden (siehe S. 10). Die Raumgrösse ist zwar jeweils verhältnismässig klein, doch dafür ist die Atmosphäre ausgesprochen gemütlich. Dazu tragen zum einen die farbigen Polstermöbel, Teppiche und Stehleuchten bei, zum anderen die Wandflächen aus unbehandelter Weisstanne und das sichtbare Holztragwerk.


Apropos Holz
Für den Holzbau spannten die Schwendimann Holzbau AG aus Unterstammheim (ZH) und die Kaufmann Oberholzer AG aus Schönenberg (TG) zusammen – zwei Betriebe, die sich gut ergänzten. Und zwar so gut, dass ihrem gemeinsamen Erstlingswerk inzwischen die Planung eines zweiten Gemeinschaftsprojekts folgte. «Wir konnten beim Bau der Schule viel voneinander lernen, zum Beispiel hinsichtlich Detailplanung, Verbindungsmittel und Zeitmanagement. Auf beiden Seiten haben wir sehr profitiert», erklärt dazu Beat Brauchli, der das Projekt seitens der Schwendimann Holzbau AG leitete. Der Betrieb beschäftigt rund 25 Mitarbeitende und ist damit deutlich kleiner als die Kaufmann Oberholzer AG mit etwa 150 Angestellten. Entsprechend sei es spannend gewesen, die unterschiedlichen Firmenkulturen zu erleben. Während der eine Betrieb eher familiär aufgestellt und der Austausch zwischen Planern und Zimmerleuten sehr direkt ist, weil sich morgens alle sehen, muss im anderen Betrieb mehr schriftlich kommuniziert werden. «Bei Kaufmann Oberholzer wird viel auf dem Papier gelöst, darum standen auf den Plänen auch deutlich mehr Infos drauf als bei uns», erinnert sich Beat Brauchli. Was die Arbeitsteilung anging, hatten sich die Betriebe wie folgt organisiert: Die Werkplanung des Elementbaus sowie die Produktion der meisten Holzelemente oblagen Kaufmann Oberholzer. Schwendimann kümmerte sich um den Abbund der Balkenlagen (rund 110 m3 BSH, Fichte) sowie um jene hohen Holzbauelemente, für die es einen Spezialtransport brauchte. Dass der Anfahrtsweg vom Holzbaubetrieb in Unterstammheim bis zur Baustelle in Diessenhofen nur sieben Kilometer betrug, war ein klarer Pluspunkt. Zumal das Sägewerk – die Konrad Keller AG, die das Holz lieferte – ebenfalls in Unterstammheim ansässig ist. Einen noch kürzeren Transportweg hatte nur das Holz selbst: Vom Diessenhofener Gemeindewald, wo es geschlagen wurde, bis zum Sägewerk in Unterstammheim betrug die Distanz lediglich drei bis vier Kilometer.
 

Lösungsorientierte Zusammenarbeit
Die Besonderheiten dieses Bauprojekts schildert Beat Brauchli wie folgt: «Anspruchsvoll war beispielsweise die Fertigung der grossen Holzelemente, deren Dimensionen sich an den gewünschten Raumhöhen orientierten», fängt er an. «Und bei den Geschossdecken brauchte es unter anderem aufgrund der Brandschutzanforderungen beim Anschluss der Holzbalkendecken zu den Aussenwänden besondere Verbindungsmittel», fährt er fort. Eingesetzt wurde hier ein spezieller Haupt-Nebenträger-Verbinder von Rothoblaas (Lock T), der komplett im Holz eingelassen ist, weshalb keine zusätzlichen Brandschutzmassnahmen nötig waren. 


Der Teufel steckt im (Fassaden-)Detail
Herausfordernd waren auch die Fensteranschlüsse und die Detaillösungen bei der Fassadengestaltung. Zumal die Bauzeit (zwischen Januar und Juni) recht knapp war. Im August, also nach den Sommerferien, musste der neue Schulbau zwingend fertiggestellt sein.Und als ausgesprochen harte Knacknuss bei der Fassade zeigte sich die Detaillierung der Lisenen im Obergeschoss: Statt diese Lisenen nur flach auszubilden, wurden sie als 16 Zentimeter breite und 50 Zentimeter tiefe Hohlkastenelemente herausgearbeitet und mit einer vorvergrauten Weisstannenschalung verkleidet. Macht pro Lisene einen Schalungsumfang von satten 116 Zentimetern. «Im Vergleich zu einer flachen Ausgestaltung der Lisenen bedurfte es hier also viel mehr Holz. Und auch der Arbeits- und der Zeitaufwand waren deutlich grösser», resümiert Beat Brauchli, der die finale Werkplanung der Holzfassade verantwortete. Im Erdgeschoss treten die Lisenen deutlich weniger hervor und sind nur 20 Zentimeter tief. Dafür wurden jedoch zwischen den Lisenen Füllungen eingesetzt, was den Materialverbrauch im Vergleich zum Obergeschoss nicht wesentlich schmälerte. Insgesamt dauerte die Produktion der Fassadenschalung etwa zwei Wochen. Die Lisenen wurden hierbei von der Kaufmann Oberholzer AG vorgefertigt. Die Montage der Fassadenelemente und die Anbringung der Schalung erfolgten dann durch die Schwendimann Holzbau AG. Insgesamt waren fünf Mitarbeitende drei Wochen lang damit beschäftigt.
 

Schon einen Schritt weiter
Um für die Zukunft gerüstet zu sein und etwaige Erweiterungsmassnahmen der Schule später einmal einfacher umsetzen zu können, wurde der Neubau von vornherein so konzipiert, dass er problemlos um ein Geschoss aufgestockt werden kann. Dies war der ausdrückliche Wunsch der Bauherrschaft. Entsprechend ist die Statik heute schon für deutlich höhere Lasten ausgelegt. So kann später von einer Ertüchtigung der unteren Geschosse abgesehen werden.
tfar.ch

Kaufmann Oberholzer AG

Das 1971 gegründete und inhabergeführte Unternehmen in der Ostschweiz deckt das gesamte Spektrum der Holzverarbeitung ab und versteht sich als Komplettanbieter in diesem Bereich. An den drei Standorten im Thurgau (Schönenberg an der Thur, Roggwil, Arbon) sowie am Standort in Rorschach (SG) werden insgesamt etwa 150 Mitarbeitende beschäftigt, darunter 20 Lernende. kaufmann-oberholzer.ch


Schwendimann Holzbau AG

Die Wurzeln des Holzbaubetriebs gehen auf das Jahr 1937 zurück. Gründer war damals Walter Schwendimann, der zunächst Parkett, später Holzsilos herstellte. Im Jahr 1972 firmierte das Unternehmen zur Walter Schwendimann AG. Heutige Geschäftsinhaber sind Reto Gentsch (r. im Bild) – Zimmermann und Techniker HF Holzbau – sowie seine Frau Andrea Gentsch. Ihr Team umfasst rund 25 Mitarbeitende. Der Schwerpunkt des Holzbauunternehmens mit eigener Abbundhalle liegt in der Sanierung von (denkmalgeschützten) Gebäuden, wobei zum Portfolio auch Neubauten wie die Schule in Diessenhofen gehören. Projektleiter war hierbei Beat Brauchli (l.im Bild sowie Cover), gelernter Zimmermann mit Weiterbildungen zum Holzbautechniker und Bauleiter. Inzwischen hat er sein eigenes Unternehmen gegründet (brauchli-bau.ch). schwendimannholzbau.ch