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05/2026 Anders lernen

BAUEN

Innen hart, aussen Holz

Was geschieht wohl in diesem klaren Baukörper mitten im Gebäudesammelsurium von Unterentfelden? Der rote Holzbau kommt daher wie ein Pavillon und birgt Büros und Labore für die Prüfung delikater Produkte – beispielsweise Lebensmittel aus Restaurants oder das Badewasser öffentlicher Schwimmbäder.

Text Sue Lüthi Fotos Federico Farinatti Pläne Markus Schietsch Architekt:Innen

 

Wer weiss, dass das Lebensmittelgesetz in der Schweiz bereits 1899 entworfen wurde? Schon damals konsumierten die Schweizer doppelt so viel, wie sie produzieren konnten. Auch heute noch importiert unser Land rund 50 Prozent der Nahrungsmittel. Produkte aus dem In- und Ausland, die unterschiedliche Produktionen und Wege absolvieren, brauchen eine Prüfung durch Fachpersonen, für deren Tätigkeit eine entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stehen soll. 
Das Gebäude, in dem das Amt für Verbraucherschutz im Kanton Aargau (siehe Box Seite 14) bisher ansässig war, war fast ebenso alt wie oben genanntes Gesetz und musste erneuert werden. Da die Sanierung der Gebäudestruktur zu aufwendig geworden wäre und mehr Platz gewünscht war, entschied sich der Kanton für einen Neubau und schrieb einen Architekturwettbewerb aus. Das Siegerprojekt wurde danach für einen neuen Standort in Unterentfelden weiterentwickelt.
Der Neubau ist ein Quadrat von 50 Meter auf 50 Meter. Entworfen haben ihn die Markus Schietsch Architekt:innen aus Zürich. Das Architekturbüro ist in der Holzbaubranche ein Begriff: Es ist auch für die Architektur des Elefantenhauses im Zoo Zürich (2014) verantwortlich. Dessen einzigartiges Holzgewölbe mit verschiedenförmigen Oblichtern (Tragwerksplaner WaltGalmarini AG) zeigt die Vielfalt des Holzbaus. Auch das Gebäude in Unterentfelden fasziniert: Wie die Umgebungsstruktur erstreckt es sich bescheiden über zwei Geschosse und zieht wegen der Säulenparade doch die Blicke auf sich. Die 60 Vollholzstützen reihen sich rund um das Gebäude, bilden einen 2,80 Meter breiten Laubengang und tragen in luftiger Höhe das Flachdach. 


Holz für Büros, Beton für Labore
Im Kern des Gebäudes sind im Obergeschoss speziell empfindliche Messlabore angeordnet: Die Räume unterliegen hohen Schwingungsanforderungen, was die Betonbauweise rechtfertigt. Eine Schicht aus Lufträumen dient als Oblicht und schützt die Untersuchungsarbeit vor Turbulenzen. Zwei betonierte Treppen sowie Nasszellen und Installationsschächte sind rundum angeordnet und schliessen die Kernzone ab. Konzentrisch um dieses massive Quadrat entfalten sich die Labors und Büros der rund achtzig Mitarbeitenden. Dort setzt der konventionelle Skelettbau mit den Holzrippendecken an. Ein gigantischer Kranz mit 56 Zentimeter hohen und 24 Zentimeter breiten Balken erstreckt sich bis an die Fassade. Die Rippen aus Brettschichtholz bilden mit dem 15 Zentimeter dicken und vor Ort eingebrachten Überbeton einen stabilen Verbund. Diese Stützen (Rahmenbaukanteln aus Fichte) und Unterzüge sind alle sichtbar – sie wurden gehobelt, gefast und mit einem UV-Schutz behandelt. Auch für die Büroeinrichtungen wählten die Planer Holz. Die Möbel sind hauptsächlich aus Eschenvollholz fabriziert, bei den sichtbaren Teilen der Türen kam lackiertes MDF zum Einsatz. Die Arbeitsgeräte für die Analysen stammen aus dem Bestand und werden nach wie vor verwendet. Neu sind die Grundeinrichtung wie die Lüftungen, Labortische und Schränke. 


Die Bauherrschaft legte bereits in der Ausschreibung fest, dass Holz aus dem Aargauer Staatswald verwendet werden soll. Insgesamt sind im Gebäude rund 950 Kubikmeter Fichten- und Tannenholz verbaut worden. Unter dem mittigen Labor in der oberen Ebene liegt das Forum. Dort greifen die beiden Konstruktionsweisen sichtbar ineinander und zeigen ein skulpturales Zusammenspiel aus Beton- und Holzoberflächen. Die hybride Bauweise prägt den Bau sowohl in der Struktur als auch in der ästhetischen Wirkung, was sich innen wie aussen zeigt. Im Inneren stossen die Holzträger auf glatte Betonflächen mit scharfen Kanten und zeigen ein interessantes Deckenbild. An der Fassade und im Laubengang wird der Holzbau durch die Ausdifferenzierung der Fügungen sichtbar. Die 7,60 Meter hohen Rundholzstützen mit einem Durchmesser von 32 Zentimetern sind massive Fichtenstämme aus der Umgebung. Das Rundholz wurde entrindet, zylindrisch rundgedrechselt und die Oberfläche fein bearbeitet. Zudem erhielt jeder Stamm zwei Längsschnitte, damit er nicht einreisst. Die Bodenkonstruktion ist von Luft umspült, obenauf liegen Douglasienbretter. Die hinterlüftete Fassade zeigt eine Bekleidung aus gestrichenen Dreischichtplatten aus Fichte, gehobelt und gefast. Viel geschlossene Fassadenfläche gibt es jedoch nicht: Raumhohe Fenster mit sprossenfreien Glasflächen lassen sehr viel Licht in die Büros. Das auskragende Dach und die roten Storen schützen das Holz vor Wettereinflüssen und geben dem Gebäude eine individuelle Note.
markusschietsch.com 
 

Neubau Laborgebäude

Projekt: Neubau Amt für Verbraucherschutz, 
Unterentfelden (AG)
Fertigstellung: 2024
Bauherrschaft: Kanton Aargau
Architektur: Markus Schietsch Architekt:innen, Zürich
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Schweiz AG, Sursee (LU)
Holzbauunternehmen: Husner AG Holzbau, Frick (AG); Christian Reimann (Projektleitung Holzbau)
Verwendetes Holz: Schweizer Holz Fichte / Tanne, ca. 950 m3
Bruttogeschossfläche: 6115 m2
Baustandard: Minergie-P-ECO
Anlagekosten total: CHF 46,6 Mio.


Was macht das Amt für Verbraucherschutz?

Das Amt für Verbraucherschutz (AVS) gewährleistet den Gesundheitsschutz von Menschen und Tieren. Es überwacht den Umgang mit Chemikalien und gefährlichen Organismen. Das AVS führt Inspektionen in Betrieben durch und analysiert Proben in eigenen Laboren. Es prüft beispielsweise das Badewasser in öffentlichen Schwimmbädern, kontrolliert Lebensmittel in Restaurants oder untersucht die Gesundheit importierter Tiere. Jährlich führen rund 80 Mitarbeitende des Amtes etwa 4400 Inspektionen durch, analysieren 7300 Laborproben und bearbeiten 1600 Meldungen aus der Bevölkerung (Zahlen 2025). Auf Bundesebene koordiniert das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen viele Bereiche des Verbraucher- und Gesundheitsschutzes. ag.ch/avs


Husner AG Holzbau, Frick

Das Unternehmen Husner AG Holzbau in Frick (AG) hat sich von einem Hoch- und Tiefbaubetrieb zu einem spezialisierten Holzbauunternehmen entwickelt. Gegründet hat die Baufirma 1948 August Husner. 29 Jahre später übernahm er eine Zimmerei und baute die ersten Dachstöcke. Kurz darauf firmierte Husner das Unternehmen um in eine reine Zimmerei und trat der Erne Gruppe, Laufenburg (AG), bei. Um 2000 beschäftigte die Husner AG Holzbau rund 30 Mitarbeitende, inzwischen ist das Unternehmen unter der Geschäftsführung von Simon Beeler auf über 100 Angestellte angewachsen. husner.ch