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05/2026 Anders lernen

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«Ich bin ein ganz normaler Lehrling»

Während sich andere Leute in seinem Alter auf die Rente freuen, startet Antonio Martinez beruflich nochmals durch: Nach seiner erfolgreichen Karriere als Bauingenieur und Geschäftsführer erfüllt er sich mit 62 Jahren einen lang gehegten Traum – eine Zimmermannslehre.

Interview Susanne Lieber Bilder zVg

 

Herr Martinez, eine Lehre kurz vor dem Renteneintrittsalter zu beginnen, verlangt an sich schon viel Respekt ab. Wenn es sich dabei um eine körperlich anstrengende Zimmermannslehre handelt, umso mehr. Was hat Sie dazu bewogen?
Vor 25 Jahren habe ich mir ein Blockhaus bauen lassen. Damals bin ich mit eigenen Entwurfsideen und Zeichnungen zu Erwin Walker von der Bianchi Holz- und Treppenbau AG in Landquart (GR) gegangen und habe gefragt, ob sein Betrieb das umsetzen könne. Seine Antwort: «Ja.» Einer seiner Mitarbeiter war erst kurz zuvor in Kanada gewesen und hatte dort den Bau von Blockhäusern gelernt. Bei der Aufrichte dachte ich mir dann, dass ich so ein Haus irgendwann auch komplett selbst bauen können will. Und so habe ich zu Erwin Walker gesagt: «Wenn ich 62 bin, komme ich zu dir in die Lehre!» (lacht)

Gesagt, getan – inzwischen sind Sie bald im dritten Lehrjahr. Inwiefern unterscheidet sich Ihre Lehrzeit von jener Ihrer jungen Kollegen?
Da ich ja schon eine Ausbildung gemacht habe, verkürzt sich meine Lehrzeit von vier auf drei Jahre. Ansonsten bin ich ein ganz normaler Lehrling. Auch, was den Lohn angeht.

Sind Sie denn jetzt Lehrling und Rentner zugleich?
Nein, ich bin nicht frühpensioniert. Ich habe nur meinen Job gewechselt und bin jetzt nicht mehr bei der Swisspor Management AG tätig, sondern im Betrieb der Bianchi Holz- und Treppenbau AG. Ich beziehe also noch keine Rente und bezahle nach wie vor AHV. Um mir das leisten zu können, habe ich entsprechend gespart. Ich wusste ja schon vor zwanzig Jahren, dass ich diese Lehre machen will.

An welchem Bauprojekt arbeiten Sie gerade?
Zurzeit bauen wir in der Altstadt von Chur ein Dachgeschoss aus. Heute haben wir eine grosse Fensterfront abgebrochen. Morgen wird das Material dann per Helikopter abtransportiert. Danach werden wir neue Wände und Decken einziehen, später folgen dann noch Gipserarbeiten.

Wie gehen die jungen Lehrlinge mit Ihnen um – und umgekehrt?
Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Es ist ja nicht so, dass ich wie ein Grossvater auf meine Enkel schaue. Generell gibt es natürlich gewisse Hierarchien unter den Lehrlingen. Je nachdem, ob man im ersten, zweiten, dritten oder vierten Lehrjahr ist, hat man bestimmte Aufgaben, die dazugehören. Die übernehme ich genauso wie alle anderen: Ich räume die Bude auf, wische … Das spielt für mich keine Rolle.

Ist es gegenüber Kollegen und Vorgesetzten nicht ein schwieriger Balance-Akt, gleichzeitig Lehrling und erfahrener Ingenieur zu sein?
Eigentlich nicht. Bezüglich meines beruflichen Hintergrunds nehme ich mich sehr zurück. Ich bin kein Besserwisser und bringe mein Know-how nur ein, wenn das ausdrücklich erwünscht ist. Und es ist auch nicht so, dass bei mir ständig etwas nachgefragt wird, im Gegenteil. Was den Holzbau anbelangt, bin ich ja auch noch am Lernen.

Das klingt alles sehr positiv. Haben Sie bislang keine negative Erfahrung gemacht als Lehrling reiferen Alters? Wie reagieren beispielsweise Bauherrschaften auf Sie?
Sie sind natürlich überrascht, aber viele sind auch begeistert, dass ich das mache. Und es gibt einige, die mir verraten haben: «Weisst du, ich würde das auch gerne machen …» Zu denen sage ich dann immer: «Mach es doch, wo ist das Pro­blem?» Viele haben die gleichen Gedanken, aber ihnen fehlt der Mut – oder das Geld.

Oder die Akzeptanz in der Gesellschaft?
Ja, das stimmt. Wenn du auf der Maslowschen Bedürfnispyramide schon weit oben bist und die Gesellschaft dich als Manager und Weltreisender sieht, wird es als Rückschritt betrachtet, wieder Lehrling zu sein. Manch einer hat Angst, seinen Status zu verlieren.

Hatten Sie nie Bedenken, was andere von Ihrer Entscheidung halten?
Nein, mir ist völlig egal, was die Leute denken. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich bei der Sto AG die Regionsleitung für Südeuropa abgegeben habe. Damals war ich im erweiterten Kader, hatte 16-Stunden-Tage und war nur selten zuhause. Mein Chef meinte erstaunt: «Aber dann verdienst du doch viel weniger.» Und ich antwortete ihm: «Stimmt, aber dafür kann ich mehr Zeit mit meiner 
Familie verbringen.»

Wie hart war die Umstellung von einer Bürotätigkeit zu einer Arbeit auf dem Bau?
Die ersten zwei Monate waren körperlich schon sehr anstrengend und ich musste mich erst umgewöhnen. Aber jetzt komme ich abends müde und zufrieden nach Hause wie jeder andere Zimmermann auch.

Und wie geht es Ihnen damit, wieder die Schulbank zu drücken?
Es ist schon eine Herausforderung, sich wieder mit Themen zu beschäftigen, mit denen man sich die letzten vierzig Jahre nicht mehr auseinandergesetzt hat. Ausserdem sind wir die ersten Lehrlinge, die keine schriftlichen Unterlagen oder Ordner mehr haben. Sämtliche Lerninhalte sind digitalisiert.

Wie kommen Sie denn damit zurecht?
Meines Erachtens funktioniert das nicht. Anfangs dachte ich, es liegt vielleicht daran, dass ich zu alt bin für das digitale Lernen. Aber ich stelle fest, dass auch meine jungen Kollegen Probleme damit haben. Wir haben immer noch viele Unterlagen und Pläne in Papierform, doch dafür gibt es kein Ablagesystem mehr. Man müsste also alles einscannen – aber mach das mal mit einem grossen Plan. Auch beim Lernen ist es mühsam, wenn man zwischen verschiedenen Kapiteln hin- und herswitchen muss. Früher konnte man einfach zwei Ordner parallel aufschlagen, das war bedeutend einfacher und übersichtlicher. Aber mittlerweile habe ich mich mit den Gegebenheiten arrangiert.

Das Thema Digitalisierung nimmt im Holzbau generell eine wichtige Rolle ein. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Die Digitalisierung wird uns gerne als Innovation verkauft, aber das ist sie in meinen Augen nicht. Sie ist lediglich Mittel zum Zweck, um effizienter zu werden. Dabei verbraucht sie riesige Mengen an Energie. Ob das alles so sinnvoll ist, bezweifle ich. Aber lassen Sie uns in 20 Jahren noch mal darüber sprechen – dann bin ich 83 … (lacht)

Worin sehen Sie den grössten Unterschied zwischen sich und den anderen Lehrlingen?
Ich bin es gewohnt, beim Arbeiten ein gewisses Tempo zu haben. Manchmal bin ich deshalb etwas ungeduldig mit den anderen und sage: Macht vorwärts!

Was ist bislang Ihre spannendste Erkenntnis oder Erfahrung als Lehrling?
Die Erkenntnis, dass der Zimmermanns­beruf zu wenig innovativ ist. Hinsichtlich der Maschinentechnik hat sich zwar ein bisschen was verändert, aber im Grunde baut man heute noch wie vor 300 Jahren.

Inwiefern fehlt es Ihnen an Innovation? 
Die Holzbauweise wäre prädestiniert für das Thema Re-Use, um Gebäude sortenrein und rückbaufähig zu bauen. Aber das, was meistens entsteht, sind Konstruktionen, die verleimt und mit Gipskarton verkleidet sind. Das ist alles Sondermüll. Der CO2-Abdruck solcher Gebäude ist nicht besser als mit anderen Materialien. Ich finde, das Thema Re-Use wird in der Branche viel zu wenig thematisiert.
 

Konkretisieren Sie das bitte.
Wenn wir etwas auf einer Baustelle rückbauen, landen 90 Prozent des Holzes in der Kehrichtverbrennung. Im Gegensatz zu Beton – der wird inzwischen recycelt und landet nicht mehr auf der Deponie. Es ist also ein Trugschluss, dass Holz so viel besser ist als Beton. Da müsste mehr drinliegen!

In zwei Jahren sind Sie mit Ihrer Zimmermannslehre fertig. Dann sind Sie 64 Jahre. Wie geht es danach weiter?
Ich würde gerne im Bereich Re-Use arbeiten und sehe mich durchaus auch noch mit 70 Jahren auf der Baustelle. Allerdings nicht täglich, da es körperlich schon anstrengend ist. Mein Wunsch ist, zwei junge Zimmerleute zu finden, mit denen ich das Thema Kreislaufwirtschaft beziehungsweise Re-Use in die Hand nehmen kann. Ich kenne einen Schreiner, der nimmt alte Türen zurück, frischt sie auf und verkauft sie dann als neuwertig. Im Bereich Holzbau könnten wir das auch, aber wir machen es nicht. Um ein Beispiel zu nennen: Vor zwei Jahren haben wir ein Haus gebaut, vermeintlich aus Altholz. In Wahrheit handelte es sich um neues Holz, das nur auf alt gemacht wurde. Aus Kostengründen wurde gar nicht erst nach Altholz gesucht. Das würde ich gerne anders machen.

Antonio Martinez

Nach seiner Lehre zum Tiefbauzeichner studierte Antonio Martinez Bauingenieurwesen in Chur, danach folgte ein Nachdiplomstudium im Bereich Betriebswirtschaft. Nach diversen Stationen war er zuletzt Geschäftsführer der Sto AG (Schweiz) mit 220 Mitarbeitenden sowie Head of Development der Swisspor Group, einem international agierenden Unternehmen für Dämmstoffe und Gebäudehüllen. Neben seiner beruflichen Karriere widmete sich der zweifache Vater (Sohn 22, Tochter 19) dem Sport und trainierte viele Jahre den Eishockeynachwuchs in Chur. Seit 2025 ist Antonio Martinez bei der Bianchi Holz- und Treppenbau AG in Landquart (GR) tätig und absolviert dort eine Zimmermannslehre. bianchi-treppen.ch