06/2026 Chalets für Grindelwald
BAUEN
«Flecki» und «Scharband»
In Grindelwald prägen die charakteristischen «Fleckenbauten» seit Jahrhunderten das Dorfbild. Die KA-Holzbau AG führt diese Baukultur weiter und interpretiert sie neu. Ihre Chalets tragen alle Merkmale des traditionellen Grindelwaldner Hauses, entstehen jedoch in moderner Elementbauweise und sind mit zeitgemässer Haustechnik ausgestattet.
Text Sue Lüthi Bilder Claudia Reinert
Die Baugeschichte Grindelwalds im Berner Oberland ist untrennbar mit dem Holz verbunden. Seit Jahrhunderten prägt der traditionelle Gwättbau das Bild des Tals: Mächtige Holzbalken, an den Ecken inein-andergefügt, bilden robuste Häuser, deren Konstruktion bis heute von der Handwerkskunst vergangener Generationen erzählt. Die «Flecken» – wie die charakteristischen Bohlen des Blockbaus in Berner Mundart genannt werden – sind prägende Elemente des Grindelwaldner Hauses. Stefan Brügger wohnt seit der fünften Schulklasse in Grindelwald und trotzdem bezeichnet er sich als Zugezogener. Einheimisch kann man nicht werden, sagt er. Der gelernte Zimmermann ist ein stolzer Handwerker, hat auch ein Händchen fürs Geschäft und eine gute Portion Mut. Mit 21 Jahren kaufte er aus dem Bauch heraus ein Haus in Grindelwald, renovierte es sanft, ging auf Wanderschaft und drückte in Biel die Schulbank. «Ich bin ein Macher», sagt der heute 66-Jährige, der sich parallel zum Häuserbauen ebenso leidenschaftlich für seine Branche und seinen Ort einsetzt und in verschiedenen Gremien mitwirkt.
Das Chalet vom Handwerker
Mit seinem Unternehmen KA-Holzbau AG hat sich Stefan Brügger auf den Um- und Neubau von Chalets spezialisiert und diesen Haustyp technisch weiterentwickelt. Die charakteristischen Elemente behält er bei. Seine Häuser scheinen Fleckenbauten zu sein: Grosse Bohlen kreuzen sich in den Ecken und gehen in Büge mit schwungvollen Rundungen über. Ein «Scharband» – Mundart für die Flugpfette – mit verzierter Verstärkung durchdringt die Konsole und stützt dabei das Vordach. Die Häuser nach traditioneller Art zu bauen, sei heute nicht mehr sinnvoll, sagt Stefan Brügger. Aber sie sollen so aussehen, es gefällt der Kundschaft und passt ins Ortsbild. Hinter dem Schmuck steckt also ein Neubau, geplant und erstellt in Elementbauweise.
In Grindelwald kommt es noch vor, dass Zimmerleute ein Haus auf der grünen Wiese bauen. Von Verdichtung spricht hier niemand, die Herausforderungen sind eher, dass die Bewohnerinnen und Bewohner in die Städte abwandern. «Dieses Haus baue ich, um meinen Mitarbeitenden eine Wohnung zur Verfügung stellen zu können», sagt Brügger und zeigt auf die Baustelle nebenan, wo gerade ein Mehrfamilienhaus im Chaletstil entsteht. Das bereits fertige Chalet wird vorerst als Ferienhaus vermietet. Das lohne sich mehr, als es zu verkaufen. Doch die meisten Aufträge sind nach wie vor Renovationen – in den Altbauten liegt Potenzial.
Der Neubau mit den Abmessungen von 10,72 Metern mal 8,21 Metern steht im Hang auf einem massiven Kellergeschoss. Auf dieser untersten Ebene liegen der Haupteingang sowie eine Garage und die Technikräume. Über eine Holztreppe geht es ins obere Geschoss mit einem grosszügigen Wohnraum und einer offenen Küche. Südseitig tritt man hier ebenerdig auf die Terrasse mit Blick zum Eiger.
Ein Holzbalken (100/180 mm) bildet die Grundlage für die Wandelemente. Die Holzkonstruktion ist total 374 Millimeter stark: 180 Millimeter Konstruktionsholz sind mit Steinwolle ausgefacht, gegen aussen schliesst eine 60 Millimeter starke Holzfaserplatte das Element, gedeckt mit einem Hinterlüftungsrost und der Schalung aus gehobelten Fichtenbrettern. Innen ist das Element mit einer OSB-Platte und einem 50 Millimeter starken Installationsraum ausgebildet, der nach den Installationen ebenfalls ausgedämmt wird. Eine Wandverkleidung aus sichtbarem Holz oder Verputz schliesst die Konstruktion ab. Ein Geschoss höher sind die Schlafräume, eine Dusche und ein Badezimmer eingerichtet. Badezimmer im wahrsten Sinne des Wortes: In der mit Holz verkleideten Eckwanne kann der Gast unter Holzbalken ins Schaumbad abtauchen oder den Natursteinwänden entlang aus dem Fenster in die Eigernordwand blicken.
«Eigerdach» und Gwätt
Die KA-Holzbau AG ist genauso eine Schreinerei. Die Treppe, die Küche, die Einbauschränke, die Fenster und im benannten Chalet auch die Holzdekorationen in der Decke stammen aus dem gleichen Unternehmen. Die Firma bietet den Chaletbau als Totalunternehmung an, vom Landkauf über die Planung bis zur Schlüsselübergabe. Das Chalet ist mit modernster Technik ausgestattet. Es wird mit einer Wärmepumpe über eine Bodenheizung gewärmt und erhält Strom vom eigenen Solardach. Die Zellen sind im nördlichen Teil der Dachfläche eingelassen und stören keinesfalls. Die Dachranddetails führt Brügger mit einem doppelten Stirnbrett für mehr Entlüftung aus. Brügger realisiert seit Jahren einen speziellen Dachaufbau, der in Zusammenarbeit mit Flumroc als «Eigerdach» vertrieben wird: Über der Wärmedämmung liegt eine weitere 60 Millimeter starke Dämmschicht mit Latteneinlage. Diese wird an die Sparren befestigt und hält die Nageldichtung für die Konterlattung. So wird der Aufbau mit den dicken Wärmedämmungen fester. Typisch für die Chalets in den Bergdörfern sind die riesigen Vordächer: 2,20 Meter kragen sie über die Aussenwand und schützen die Lauben – Balkone – vor der Witterung. Auch traufseitig ragen die Sparren traditionsmässig 1,80 Meter über die Wände hinaus und liegen darum auf einer Flugpfette. Diese ist aus Brettschichtholz, ebenso wie die Eckhölzer. Für die Konsolen und Eckhölzer wählte der Holzbauer Duo-Balken. «Das moderne Material ist einfach besser geeignet», erklärt Brügger pragmatisch. Die Gwättecken mit den verzierten Konsolen werden schon in der Werkstatt in die Wandelemente montiert.
Von der statischen Seite her betrachtet sind die Sparren und Pfetten überdimensioniert, einige Konstruktionsteile haben heute nur noch eine ästhetische Funktion. Nicht fehlen darf jedoch der Gurt mit dem Blumenmuster: Jeder Holzbauer schmückt seine Häuser mit seinem eigenen Muster. Früher haben die Zimmerleute die Friese in Handarbeit verziert – ein Zeichen des Reichtums –, heute macht dies die CNC-Maschine. Grindelwald biete eher bescheidene Muster, sagt Stefan Brügger, im Berner Oberland seien weitaus üppiger geschmückte Hauser anzutreffen.
Chalet
Projekt: Neubau Chalet, Grindelwald (BE)
Fertigstellung: 2026
Bauherrschaft: KA-Holzbau AG, Grindelwald
Architektur: KA-Holzbau AG, Grindelwald
Holzbauingenieur: KA-Holzbau AG, Grindelwald
Holzbauunternehmen: KA-Holzbau AG, Grindelwald
Baukosten: CHF 2,4 Mio.
KA-Holzbau AG
Mit Grindelwaldner Ski an den Füssen sprang Fritz Kaufmann in den 1930-er Jahren Rekordweiten und erreichte internationalen Erfolg. Neben dem Sport stand der Name Kaufmann für die Skifabrik und das Baugeschäft. Dieses
Unternehmen hat sich seit 1902 in mehreren Um- und Ausbaustufen zum heutigen modernen Holzbau- und Schreinereibetrieb mit rund 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entwickelt. Sie beherrschen die traditionelle Schreiner- und
Zimmereikunst und vereinen verschiedene Bearbeitungsmethoden sowie Materialien nach dem heutigen Stand der Technik. 1999 übernahm Stefan Brügger den Betrieb von Andreas Ringgenberg und erstellte 2010 ein neues Produk-
tionsgebäude, das sich trotz Grösse gut ins Dorf einfügt. Brügger ist ein Macher: Vom Landkauf bis zur Schlüsselübergabe ist er Ansprechpartner und Ausführender. Er ist fast ausschliesslich in der Umgebung Grindelwald tätig und bildet laufend drei bis vier Lernende aus. Die Nachfolge der KA-Holzbau AG ist in Planung. Nach 16 Jahren in der Zentralleitung von Holzbau Schweiz ist Stefan Brügger nun zurückgetreten und zum Ehrenmitglied ernannt worden.
ka-holzbau.ch














