04/2026 Grossprojekt
BAUEN
«Ein solches Grossprojekt lässt sich sehr gut umsetzen»
Menschen jeden Alters sollen sich in dieser Siedlung in Meilen (ZH) zu einer zahlbaren Miete wohlfühlen. Dieses Ziel verfolgte eine Stiftung, die ebenso alle Hebel der Nachhaltigkeit in Bewegung setzte. Entstanden sind 104 Wohnungen in einer Vollholzkonstruktion mit Lehmanteil.
Text Sue Lüthi Bilder Sue Lüthi; Innenaufnahmen Andrea Helblin Pläne Duplex Architekten AG, Nägeli AG
Die Reise beginnt mit einem Achitekturwettbewerb, den die Duplex Architekten aus Zürich für sich entschieden haben. Mit den Ansprüchen von mondgeschlagenem Schweizerholz, Lehm und CO2-reduziertem Beton suchte die Projektgruppe per Ausschreibung ein Holzbauunternehmen. «Als die Bauherrschaft nach Gais (AR) in unseren Betrieb kam, war vom ersten Moment an klar, dass unser Gedankengut übereinstimmte und der Weg gemeinsam weitergeht», sagt Clemens Koller, Projektleiter bei der Nägeli AG.
Sechs Gebäude sind auf das leicht geneigte Gelände entlang des Dollikerbachs in Meilen am Zürichsee platziert, so dass sich dort ein Dorfplatz bildet. Die Gebäude bestehen aus zwei oder drei Einheiten, die mit einem Knick ineinandergefügt sind. Dieser Knick macht aus, dass der Wohnungsspiegel vielfältig und spannend ausfällt. Die Wohnungen zeigen Grössen von 1 Zimmer bis zu 6 ½ Zimmern. Für das angenehme Wohnklima sind die Materia-lien Holz und Lehm und für die Wohnqualität die spielerischen Grundrisse ausschlaggebend. Nischen und Dacheinschnitte bieten Rückzugsorte; Terrassen, Balkone und Sitzplätze können auch Begegnungsräume sein. Die Zugänge führen über den Dorfplatz, an den Ateliers und Gemeinschaftsräumen vorbei, so dass ein Kommen und Gehen herrscht. Zudem wurde bei der Vermietung eine Charta beigelegt, die den Gemeinschaftscharakter fördern soll. Rentnerinnen, Studierende und Familien sollen im Austausch stehen und sich gegenseitig unterstützen können – wenn sie dies wünschen. Auf der platzabgewandten Seite blicken die Mietenden ins Grüne, zum Pfannenstiel oder über den Zürichsee in die Berge.
Miteinander und nebeneinander
Hinter der Kulisse dieses Projekts steht die Gabriella Burkard – eine Frau, die in eine sinnvolle Sache investieren wollte und auch selbst in der Siedlung wohnt. Eine nachhaltig gebaute Wohnsiedlung für mehrere Generationen war ihr Ziel. Sie gründete die Stiftung Burkwil und steuerte dezent aus dem Hintergrund, so dass die Nachhaltigkeit immer auf Kurs blieb. «Burkwil ist für mich auch eine Herzensangelegenheit. Hier sollen Mensch und Natur mit- und nebeneinander leben können», schreibt die Stifterin auf der Website. Die Stiftung Burkwil ist nachhaltig ausgerichtet und gesellschaftlich engagier. Das Land konnte im Baurecht von der Gemeinde Meilen erworben werden. Stiftungszweck war die Realisation einer Mehrgenerationensiedlung sowie deren Betrieb. Die Stiftung strebt keine Gewinne an.
Vollholz und Lehmwände
Für das angenehme Raumklima und die hervorragenden Nachhaltigkeitswerte stehen die tragenden Vollholzwände. Mit Lehmplatten beplankte Ständerwände ergänzen das Programm. Der Lehmanteil war grösser geplant gewesen. Durchgesetzt hat sich – mangels Langzeiterfahrung und aufgrund logistischer Herausforderungen des neuen Lehmverfahrens –, mehr Holz zu verwenden und mit Lehmplatten zu arbeiten. Im Innern der Gebäude ist die Holzkonstruktion sichtbar. Zusammen mit den klebstofffreien Brettschichtholzdecken und dem geschliffenen Anhydritboden werden einfache Materialien in ihrer natürlichen Form gezeigt und sie tragen zu einem ausgeglichenen Wohnklima bei. Es sollte so wenig Beton wie möglich eingesetzt werden. Betoniert sind nur die Tiefgarage und auch Teile der Erdgeschosse sowie die Erschliessungskerne für Treppen und Lifte. Eine neue Betonrezeptur mit Zementreduzierung half, die CO2-Emissionen des Materials um rund 50 Prozent zu vermindern. Für die gewünschte Sichtbetonästhetik wurde der Beton in eine Bretterschalung gegossen, um die Holzstruktur aufzunehmen.
Leimfreier Bretterkuchen
Sue Lüthi: In den sechs Gebäuden der Siedlung stecken 14 000 Kubikmeter Massivholz. Im Innenausbau kamen Lehmplatten zur Verwendung. Wie ist eine solche Konstruktion aufgebaut?
Clemens Koller: Zentral ist unsere zusammengedübelte Appenzellerholz-Wand. Die Elemente erstellen wir objektbezogen auf unseren 50 Meter langen Produktionsstrassen. Wir legen jedes Element genau nach Plan aus, die Fenster werden ausgespart, damit es möglichst wenig Verschnitt gibt. Der Wandaufbau besteht aus sägerohen Brettern, kreuzweise aufeinandergelegt. Durch diesen «Bretterkuchen» bohrt eine Maschine im Abstand von 14 und 28 Zentimetern 15 Millimeter grosse Löcher und in diese werden 16,2 Millimeter starke Buchendübel gepresst, welche beim Einpressen komprimiert werden, damit sie nachher im Element wieder aufquellen können. Dadurch werden die Bretter kraftschlüssig miteinander verbunden. Wir verwenden bewusst sägerohe Bretter, damit kein Hobelverlust entsteht und sich zwischen den einzelnen Lagen kleine Lufteinschlüsse ergeben. Dies verbessert den Wärmedurchgangswiderstand der Wand entscheidend. Die innerste Schicht besteht aus einem gehobelten Brett mit hochwertiger Sichtoberfläche. Wenn der «Bretterkuchen» leimfrei zusammengedübelt ist, folgen der Zuschnitt und das Ausfräsen für Installationen und am Schluss der Oberflächenfinish mit Überfräsen und Überbürsten oder Schleifen, je nach Wunsch der Bauherrschaft.
Welche Schichten gehören noch zur Aussenwand?
In der Siedlung Burkwil wurden auf die 18 Zentimeter dicken Appenzellerholz-Wände längsseitig der Gebäude hinterlüftete Holzfassaden und giebelseitig verputzte Kalkfassaden realisiert. Bei beiden kamen jeweils Holzunterkonstruktionen und 18 Zentimeter starke Mineralwolldämmungen zum Einsatz.
Wie sind die Innenwände ausgebildet?
Die Wohnungstrennwände sind ebenfalls Massivholzelemente (120 mm) mit zusätzlichen Beplankungen wie Gipsfaser- und Mineralwollplatten. Wohnungsinterne Innenwände wurden im klassischen Ständerbau ausgeführt, meist mit Lehmbauplatten und, wo brandschutztechnisch notwendig, mit Gipsfaserplatten bekleidet.
Was mussten Sie für den Brandschutz beachten?
Bei den Massivholzwänden mussten wir eine 60 Millimeter dicke statische Massivholz-Sehne für die Lastabtragung einsetzen und bei den tragenden Innenwänden anstelle von Lehmplatten eine mit Feuerwiderstand deklarierte Gipsfaserplatte verwenden. In den brandschutzrelevanten Bauteilen sind sämtliche Dämmungen aus Mineralwolle mit Schmelzpunkt über 1000 Grad verlangt worden. Die Unterzüge wurden mit den üblichen Brandschutzbekleidungen ausgeführt. Speziell für solche Grossprojekte haben wir in den vergangenen Jahren diverse Brandschutztests durchgeführt und eine eigene Abbrandrate für unsere Vollholzwand ermittelt.
Waren weitere Holzbauunternehmen beteiligt?
Ja. Ein solch grosses Projekt alleine zu stemmen, kann für ein Holzbauunternehmer wirtschaftlich ungeschickt sein und in dieser Grössenordnung und der kurzen Zeitspanne kaum realisiert werden. Vor allem auch bei Bauverzögerungen kann es sehr hilfreich sein, wenn verschiedene Partnerbetriebe diesen Umstand gemeinsam auffangen können. Das Projekt Burkwil haben wir zusammen mit vier
Lizenzpartnern umgesetzt, mit welchen wir zum Teil schon seit vielen Jahren eine gute Zusammenarbeiten pflegen.
Wie funktionierte die Organisation?
Die Nägeli AG war Ansprechpartner für den Holzbau, leitete die gesamte Holzbauplanung und koordinierte das Projekt. In regelmässigen Sitzungen tauschte man sich intensiv aus und legte damit die Grundlage für eine reibungslose und zielgerichtete Projektumsetzung. Die Holzbeschaffung wurde 2021 auch durch die Nägeli AG koordiniert und in enger Abstimmung mit den örtlichen Förstern, Sägereien und Holzbauern organisiert. Der Holzeinschnitt erfolgte in sechs lokalen Sägereien, was aufgrund der verschiedenen Lagerplätze gewisse logistische Herausforderungen mit sich brachte. Letztendlich funktionierte das Zusammenspiel der gesamten Holzkette hervorragend: vom Wald über den Einschnitt bis hin zur Produktion mit allen Lagerplätzen und Transporten. Die reibungslose Umsetzung war beeindruckend.
Erzählen Sie uns von der Montage.
Das war aussergewöhnlich: Wir haben alle zwei Monate einen Gebäudekomplex aufgerichtet und mit den Holzbaumonteuren vor Ort fertiggestellt. Beim Aufrichten wurden zwei Montageteams aus den beteiligten Lizenzpartner-Betrieben zusammengestellt, deren Mitarbeiter sich anfänglich noch nicht kannten. Am Tag X wurden die Teams über die Bauplatzeinrichtung und das Sicherheitskonzept, das speziell für Burkwil erstellt wurde, instruiert. Die zwei Teams richteten jeweils parallel mit zwei Montagekranen auf. Wir betonten, es sei kein Wettrennen, es sei ein Miteinander. Wichtig sei, dass wir gemeinsam oben ankommen, gemäss dem Credo der Bauherrschaft. Das hatte sich auf die ganze Baustelle ausgeweitet. Nach dem Aufrichten vom ersten Gebäude haben die Monteure T-Shirts ausgetauscht, wie Fussballstars, und Freundschaften über die Baustelle hinaus sind entstanden.
Wie haben Sie das viele Material beschafft?
Zwei Wochen nach der Auftragserteilung starteten wir mit einem Ritual und haben im Wald die Bäume «geringelt». Wir ernten das Holz im Winter und gehen nach dem Mondkalender. Das sind in der Schweiz einzelne Tage. Früher liess man die Bäume nach dem Fällen mit der Krone bergabwärts liegen, damit der Saft aus dem Holz floss und der Stamm austrocknete. Erst im Frühling holten die Landwirte das Holz. Wir konnten jedoch nicht diese grosse Menge Holz an einzelnen Tagen ernten, darum entschieden wir uns fürs Ringeln. Das heisst, man schneidet an diesen Tagen einen drei Zentimeter tiefen Ring um den Stamm, um den Saftstrom zu unterbrechen. Die Blätter ziehen den letzten Saft aus dem Stamm und ein paar Monate später kann man den trockenen Stamm ernten. So versuchen wir, dem Wald und der Natur Sorge zu tragen und Qualitätsholz zu erhalten.
Von welcher Holzart sprechen Sie?
Wir verarbeiteten rund 14 000 Kubikmeter Fichte und Tanne sowie Buchenholz für 90 Kilometer Buchendübel.
Würden Sie wieder ein solches Grossprojekt bauen?
Wir hatten grossen Respekt vor dieser Aufgabe. Doch die Förster kamen uns entgegen: «Sehr gern! Wir sind froh, wenn wir das Holz ernten dürfen. Das tut dem Wald gut, dann können wir aufforsten.» Auch die Sägereien beteiligten sich gerne und die Lagerplätze sowie die anderen Holzbaubetriebe wurden schnell gefunden. Alle waren sehr positiv eingestellt. Im Nachhinein muss ich sagen: Ein solches Grossprojekt lässt sich sehr gut umsetzen. Ich möchte andere Holzbaubetriebe ermuntern, Grosses anzupacken und nicht im Kleinen zu verkümmern. Gross denken und miteinander arbeiten: Das geht mühelos.
Eine Schlussfrage: Nachhaltigkeit bedeutet auch, so wenig Holz wie möglich und nur so viel wie nötig zu verbrauchen. Wie rechtfertigten Sie eine Vollholzwand?
Heute, 2026, hat es viel Holz in den Wäldern, das genutzt werden sollte. Zum einen dient die Bewirtschaftung und Ernte einer Verjüngung des Waldes und zum andern liegt viel Schadholz herum, das verrottet und genutzt werden kann. Wir versuchen, möglichst viel von diesem Holz heute in Gebäuden natürlich zu verbauen und es so quasi zwischenzulagern. Da wir die sägerohen Bretter ohne Leim und Verbindungsmittel einbauen, ist der Rohstoff in naher oder ferner Zukunft unbedenklich wiederverwendbar.
duplex-architects.com, burkwil.ch
Nägeli AG und Appenzellerholz
1988 übernahm Hannes Nägeli in Gais (AR) eine Bauschreinerei mit vier Mitarbeitern und gründete die Nägeli AG Holz- und Innenausbau. Bald folgte eine neue Werkstatt mit Abbundhalle und der Fokus richtete sich auf den Element- und Rahmenbau für Einfamilienhäuser. Hannes Nägeli setzte sich für den achtsamen Umgang mit der Natur ein und interessierte sich für alternative Bauweisen. Aus der Leidenschaft für Holz wuchs die Idee, ein Holzbausystem aus leim- und metallfreien Massivholzelementen zu entwickeln. Nach einer intensiven Entwicklungs- und Testphase war es 2005 so weit: Das Vollholz-Elementbausystem «Appenzellerholz» wurde patentiert und kam auf den Markt. Zwölf Jahre später übernahm Nägeli eine Sägerei und erweiterte das Unternehmen mit einer Produktionshalle in Speicher (AR). 2024 trat Patrik Nägeli in die Fussstapfen seines Vaters. An den zwei Standorten beschäftigt die Firma heute rund 100 Mitarbeitende, davon sind 14 Lernende in den Berufen Schreiner, Zimmermann und Zeichnerin tätig. der 48-Jährige Clemens Koller (Bild S. 8) arbeitet seit 20 Jahren bei der Nägeli AG. Der gelernte Zimmermann bildete sich in Biel zum Vorarbeiter und Techniker weiter und absolvierte später die Ausbildung zum Baubiologen. Koller ist Projektleiter und immer öfter in der Forschung und Entwicklung tätig. naegeli-holzbau.ch
Mehrgenerationensiedlung Burkwil
Bauherrschaft: Stiftung Burkwil, Meilen (ZH)
Fertigstellung: 2025 / 2026
Architektur: Duplex Architekten AG, Zürich
Baumanagement: GMS Partner AG, Zürich-Flughafen
Holzbauingenieur: Walt Galmarini AG, Zürich
Holzbauunternehmen: Nägeli AG, Gais (AR)
Holzbau-Partnerunternehmen: Zimmerei Hirschi AG,
Trubschachen (BE); Küng Holzbau AG, Alpnach (OW);
Schindler & Scheibling AG, Uster (ZH);
Isenring Holzbau AG, Wängi (TG)
Holzart: Fichte und Tanne, mondgeschlagen, Schweizer Holz
Gebäudevolumen: 69 863 m3
Bruttogeschossfläche: 22 976 m2
Baukosten: CHF 80 Mio.
Baustandard: SNBS (Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz)










