01/2025 Blockbaupionier
BAUEN
Blockbau mit Lift
Schweizweit ein Novum: In Oberterzen (SG) entstand ein zweigeschossiger Blockbau mit Lift – als behindertengerechter Altersruhesitz.
Text Susanne Lieber Bilder Claudia Reinert Pläne Brädäx GmbH
«Wir mussten lange nach einem Hersteller suchen, der bereit war, uns einen Lift in das Blockhaus in Oberterzen zu bauen», erklärt Michael Koller von der Brädäx GmbH, die sich komplett dem Blockbau verschrieben hat. «Alle Unternehmen haben sofort abgewunken – bis auf eines.» Erfahrungswerte oder Referenzprojekte zu einem rollstuhlgerechten Blockbau gab es in der Schweiz nämlich nicht. Und so galt es, sich der Aufgabe mit Offenheit und Engagement zu nähern. Beides brachte die Garaventa Lifttech AG aus Küssnacht mit und erarbeitete zusammen mit Michael Koller und seinem Team eine adäquate Konstruktion: einen Liftschacht aus Holz, der komplett vom Blockbau abgekapselt ist. Und genau darin liegt auch der entscheidende Lösungsansatz, denn ein Blockbau setzt sich innerhalb der ersten fünf Jahre beträchtlich: pro Meter bis zu fünf Zentimeter. Bei einer Gebäudehöhe von sieben Metern gehen hier also rund 35 Zentimeter verloren. Das sollte entsprechend bei Bauteilen wie Steigzonen, Kaminrohren oder einem Lift berücksichtigt werden, um spätere Schäden zu vermeiden. Ein Höhenpuffer ist darum unablässig und muss einkalkuliert sein. «Und das müssen wir natürlich auch gegenüber den Baubehörden kommunizieren. Beim Aufrichten bauen wir höher, als das Haus am Ende sein wird», erläutert Michi Koller, dessen Begeisterung für Blockbauten bei einem mehrwöchigen Kurs in Finnland entflammte. Danach stand für den gelernten Zimmermann fest: Mit diesem speziellen Handwerk will er sich selbstständig machen. Heute ist er mit seinem profunden Wissen einer von wenigen in der Schweiz.
Realisierter Lebenstraum
Dass der Altersruhesitz des Paares ein Blockbau werden sollte, stand von Anfang an fest. «Es war schon immer mein Traum, in einem solchen Holzhaus zu wohnen», erklärt der Bauherr. Und weil dieser inzwischen in seiner Mobilität eingeschränkt ist, sollte das Eigenheim behindertengerecht konzipiert und gebaut sein. Ein Wunsch, den die Brädäx GmbH – der Betrieb übernahm die komplette Planung – durch entsprechende Massnahmen erfüllen konnte. So gelangt man von der Garage im Untergeschoss über einen Lift schwellenlos zu den beiden darüberliegenden Geschossen. Das Erdgeschoss umfasst hierbei eine offene Küche mit Essbereich, eine Waschküche und zwei kleine Abstellräume; auf dem Obergeschoss befindet sich eine Galerie mit Wohnbereich, ein Schlafzimmer sowie ein Bad.
Wo alles beginnt: im Wald
Sämtliche Bäume, aus deren massiven Stämmen das Blockhaus gefertigt wurde, stammen aus dem Appenzellerland. Dass das Holz jeweils in der Region geschlagen wird, ist für Michael Koller selbstverständlich: «Mir ist es ein Anliegen, mit der Bauherrschaft in den Wald gehen zu können, um gemeinsam die Bäume zu sichten und auszuwählen. Und wer das Bedürfnis danach verspürt, kann sie dort sogar umarmen.»
Auch das Bauprojekt in Oberterzen begann mit einem gemeinsamen Streifzug durch den Wald. «Umarmt haben wir die Bäume allerdings nicht, sondern einfach nur berührt», erklärt dazu der Bauherr. «Der Bezug zur Ausgangsmaterie war uns wichtig – genauso wichtig, wie jede Bauphase begleiten zu können.» Uns so war das Bauherrenpaar im Spätherbst/Winter 2022 selbstverständlich auch beim «Ringle» dabei, als die Bäume unten am Stamm angeritzt wurden, damit vor dem Fällen kein Saft mehr fliessen kann. Einige Wochen später sind die Bäume dann zur entsprechenden Mondphase gefällt worden.
Im Februar 2023 hat man das Rundholz nach Gonten zur Brädäx GmbH transportiert und entrindet – mit Hochdruck, was nicht nur effizienter ist, als die Stämme von Hand zu schälen, sondern auch schonender für die Holzoberfläche. Danach wurde diese beim Abbund noch mit dem Zugmesser sauber geschält. Anschliessend ist jeder Stamm nummeriert und vermessen worden: Stock (Durchmesser unten am Stamm), Zopf (Durchmesser oben) und Länge. Dann folgte die Trocknungsphase, ehe im August 2023 mit dem Bau begonnen wurde.
Geschichtete Behaglichkeit
Die unterste Balkenlage besteht – im Gegensatz zu den Stämmen darüber – aus Douglasie des St. Galler Rheintals. Mit einem trapezförmigen Schnitt (das Splintholz wurde entfernt) erhält man als Basis gerade Flächen, was mitunter das Integrieren der Steckdosen erleichtert. Darüber erhebt sich eine Wand aus runden Naturstämmen (Weisstanne), die aufgrund von Längshohlfugen passgenau und deshalb stabil sowie luftdicht übereinanderliegen. Um die Auskehlung eines Stammes jeweils an die Unebenheiten des darunterliegenden Stammes anzupassen, wird die Form des unteren Holzes mit einem sogenannten Blockbauzirkel abgetastet und mit einem Stift auf das obere Holz übertragen. Die Innenwandstämme werden beidseits besäumt und nachher von Hand mit der Behauaxt bearbeitet.
Weil ein Stamm im Laufe der Zeit reissen kann, wird auf der Oberseite ein Entlastungsschnitt gemacht – eine Art Sollbruch-stelle, die später nicht sichtbar ist. An den Ecken – also dort, wo die Hölzer kreuzweise übereinanderliegen – fügen sich die Stämme ebenfalls durch passgenaue Auskervungen (sogenannte Sattelkerven) zusammen und bilden durch die Verzahnung eine stabile, kraftschlüssige Verbindung. Abgedichtet werden die Holzlagen mit Dichtungsbändern und Schafwolle.
Speziell bei den Blockbauten von Michael Koller ist, dass sich die Blockbauweise konsequent bis unters Dach fortsetzt, was sonst oft vermieden wird. Der Grund: Der Bau setzt sich noch stärker und verändert auch die Dachneigung. «Wenn das passiert, gibt es enorme Schübe auf die Fusspfetten. Dem muss man Rechnung tragen: Die Sparren sind angespitzt und können so in die liegenden Fusspfettenstämme reinrutschen. Ansonsten drückt es die Wand nach aussen», erklärt Michael Koller und fügt hinzu: «Das so hinzubekommen, dass alles sauber funktioniert, ist eine echte Herausforderung!»
Nicht minder herausfordernd war bei diesem Projekt der Einbau des Liftschachts, der aus Dreischichtplatten (ebenfalls Schweizer Holz) besteht. Dieser wurde erst am Schluss – als das Haus bereits aufgerichtet und die Treppen eingebaut waren – mit dem Kran von oben eingefädelt. Zuvor mussten aber nochmals zwei der Dachsparren herausgenommen werden. Das Ergebnis begeistert Michael Koller noch heute: «Mithilfe des Tachymeters konnten wir alles millimetergenau platzieren und alles hat auf Anhieb perfekt gepasst.» Wobei der Zimmermann betont, dass es ihm zwar wichtig sei, traditionelles Handwerk zu zeigen, er aber gleichzeitig auch auf moderne Technologien setze. «Ich will nicht Ballenberg spielen», bringt er es salopp auf den Punkt.
Archaische Texturen
Nicht nur in der Konstruktion selbst wird hier traditionelles Handwerk sichtbar, sondern schon beim Blick auf die Holzoberflächen: «Sie sind alle von Hand bearbeitet!», erklärt Michael Koller mit Stolz. Wobei er auf die Breitaxt verweist, mit der die ebenen Holzflächen archaisch behauen werden. Mit einer vollen Stunde Arbeit rechnet er hier pro Quadratmeter. Ein schweisstreibender Job wie vor Hunderten von Jahren. Um das Holz nach dem Behauen vor Feuchtigkeit und somit grauen Schimmelflecken zu schützen, wird es anschliessend mit rein natürlichen Mitteln geölt. Auch hier verfolgt der Zimmermann einen ökologischen und nachhaltigen Ansatz, der sich nicht zuletzt darin widerspiegelt, dass es so gut wie keinen Materialverlust gibt. Jeder Stamm wird maximal genutzt: Äste werden als Geländersprossen verwendet und Resthölzer für die Dachschalung genutzt oder zu Kanthölzern verarbeitet.
Alles anders
Bei den Blockhäusern von Michael Koller ist überall Natur spürbar, und fast alles ist irgendwie anders – anders als bei konventionellen Gebäuden. Das bestätigt sich nicht zuletzt beim Blick auf die Terrasse: Die mittlere der drei Stützen, die das Vordach tragen, besteht aus einem natürlich gewachsenen Zwiesel. Solche Astgabeln findet man allerdings nur selten, weshalb die anderen beiden Stützen aus gerade gewachsenen Stämmen gefertigt sind – jeweils ergänzt mit einem Kopfband zur Stabilisierung. Eines haben allerdings alle drei Stützen gemein: Sie stehen auf Stahlfüssen, die mit Schrauben höhenverstellbar sind. Ein wichtiges Detail, um auch die Stützen entsprechend absenken zu können, wenn sich das Gebäude setzt. Was einmal mehr zeigt: Die Planung und Fertigung eines Blockbaus ist in jeglicher Hinsicht eine komplexe Sache und hat so seine Eigenheiten. Und so wundert es nicht, dass es bei einem Blockbau jede Menge Erfahrung braucht. Wobei sich schon die Kleinsten früh darin üben: «Jedes Kind baut aus Holzklötzen instinktiv einen Blockbau», erklärt Michael Koller schmunzelnd.






